Sänk ju for träwelling wis Deutsche Bahn

Das Vorwort (noch ganz ruhig)

Herrschaften. All das, worüber ich bislang dezent formuliert habe, all die Mütter mit Kindern und Rentner mit Kleingeld und (Nicht-)Raucher und Veganer ist nichts gegen den alltäglichen Wahnsinn im Öffentlichen Personen-Nahverkehr, kurz ÖPNV. Es wundert mich tagein tagaus, dass nicht alle 2 Tage einer aufsteht, die Knarre zieht, paar Deppen abknallt und sich wieder seiner Zeitung widmet, „die haben mich genervt“murmelnd und somit tiefes Verständnis erhaltend. Sowas müsste zum Alltag gehören, wie die tägliche Verspätung oder der zweitägliche Ausfall. Mindestens.

Für jemanden, der ochlophob ist (so wie ich), immer lärmempfindlicher wird (so wie ich), der misantrophische Anwandlungen hat (so wie ich),  morgens gereizt und abends genervt ist (so wie ich), für so jemanden  ist das Reisen in der S-Bahn reiner Horror. Und wenn man dann noch (so wie ich) ca. 95% der Menschen für ausgemachte Trottel hält, potentiert sich dieser Horror. Um zu spezifizieren: Trottel, nicht im Sinne von „wissen nix oder sind deppert“ (da kann man ja nix für. Meistens.), sondern im Sinne der sozialen Intelligenz. Leute, denen das Prinzip „ich kann machen, was ich will, solange ich dabei andere nicht störe“ vollkommen fremd ist. Oder denen es schlichtweg scheissegal ist.

Das Warten (erstes Aufregen)

Das Drama beginnt ja schon beim Einstieg. Ne, halt, vorher, beim Warten auf die Möglichkeit zum Einstieg. Bei der unverbindlichen Abfahrtsempfehlung mit Gleisvorschlag (Quelle: klick). Der geübte Bahnfahrer weiss ja ohnehin schon, wann es zu Verspätungen kommen wird – bei Regen, bei Schneefall, bei Schneeregen, bei Wind und/oder Sturm, bei grosser Hitze oder grimmiger Kälte, bei Sonne oder Nebel, zudem in den Ferien, an Werktagen und an Wochenenden. Man steht dann da, wartet, die Zeit kommt, die Bahn nicht. Dann, nach 6 Minuten Wartezeit, meldet sich das Laufband, (die haben heutzutage so tolle moderne Laufbänder an vielen Stationen  aufgebaut), es gäbe 5 Minuten Verspätung. Immerhin, man meldet. Meist meldet man nicht. Oder falsch.  Ganz perfide ist, wenn sie einen mittels pünktlichem Zug in das Abteil locken und dann, noch vorm nächsten Halt, auf offener Strecken stehenbleiben und „leider müssen wir einen verspäteten Zug überholen lassen, damit wir auch verspätet werden“ mitteilen.

Und was die einem da immer auftischen –  Idiotenschaden (grade heute wieder), Tiere/Menschen/Reptiloiden im Gleis, zu viel Schnee/zu wenig Strom/gar kein Strom wegen Schnee, alle möglichen technischen Probleme an Geräten von denen ich gar net wusste, dass sie Probleme haben können,  und, wenn ihnen sonst nix mehr einfällt, „Störung im Betriebsablauf“, die Generalausrede. Sagt doch einfach „Schuldschung, wir kriegens einfach nicht hin, die Erstattung des heutigen Fahrpreises (anteilig) wurde bereits veranlasst“. Und das erste Problem wäre gelöst.

Der Ein-/Ausstieg (zweites und drittes Aufregen)

Wo waren wir? Genau. Beim Einstieg. Oder Ausstieg. Ist das gleiche Theater, bloss in die andere Richtung.

Beim Einstieg werden regelmässig physikalische Grundgesetze ausser Kraft gesetzt, vor allem die Grundlage „wo ein Körper ist, kann kein Zweiter sein“. Man möchte gar nicht meinem, wieviele Körper gleichzeitig in so eine schmale Bahntür passen. Sensationell. Ist es denn so schwer, seinen Drang, in das Innere des versifften Waggons zu streben, unter Kontrolle zu behalten und erstmal die raus lassen, die raus wollen. An die Luft. Ins Freie. Dorthin, wo es keine Verspätungen und nebensitzende Raucher gibt. Danke.

Aber nein. Da willst gemütlich rein/raus, geht net, weil kaum ist die Türe offen, passiert folgendes – will ich raus, steht eine Menschenmasse vor der Tür und lässt mich net weiter. Früher, da hatte ich noch einen Aktenkoffer dabei, den habe ich dann hochgerissen und mich  prellbockend durch die Wartenden gedrängt. Hat geklappt. Gab bestimmt Verletzungen, aber bisserl Schwund gibts immer. Heute setze ich den bösen Blick auf und dränge mich, lauthals auf italienisch schimpfend (klingt so melodisch und der krasse Checker vorne draussen versteht das eh nicht), durch die Deppen. Blöd ist das zu Messezeiten, wenn Italiener draussen stehen und ich grade ihre Mama beleidigt habe. Wie gesagt, bisserl Schwund gibst immer.

Beim Einstieg geschiehts ja andersrum – nachdem sich die Deppen von drinnen nach draussen gekämpft haben, strömt der Pöbel nach innen. Und bleibt stehen. Sofort nach Betreten das Wagens. Weil warum denn weiter nach innen gehen, dann muss er ja auch wieder länger raus gehen. So ist dann der Wagen in der Mitte fast leer, weil sich alle an den Ausgängen stauen und drängen. Im Winter mag das ja angehen, weil dann ists kuschelig und man wärmt sich. Aber im Sommer?  Schon mal neben einem 2-Zentner-Bauarbeiter gestanden, der grade von Schicht kam? Eben.

Die Platzverteilung (viertes Aufregen)

Endlich drinnen. Es geht an die Platzsuche und -wahl. Wenns voll ist oder gut gefüllt  muss man es nehmen, was einem der Vulgus freigelassen hat. Wenn aber nix los ist (wie gerne morgens, da ich bevorzugt die sogenannten „Taktverstärker“ nehme ), dann setzt man sich auf einen Fensterplatz. Klar, man kann rausschauen und sich anlehnen. Und ab hier zeigt sich, ob der nächste Mitreisende ein Idiot ist – sozial-intelligenterweise setzt sich der Nächste genau nur auf einen Platz. Schräg gegenüber. Nicht direkt gegenüber. Nicht daneben. Nein, schräg. So hat jeder noch Platz zum  Ausstrecken und keinen neben sich, der einen am Ärmel reibt. Eigentlich ganz einfach. Und logisch. Der nächste nimmt dann den verblieben Aussenplatz, der Vierte ist die arme Sau und muss ich an allen reindrängen, um  sich ins Eck zu muggeln. Ganz einfach, wie schon erwähnt.

Aber nein, da kommen immer welche und setzen sich gegenüber. GE-GEN-ÜBER!!! Und nehmen sich und mir den Platz nach vorne. Alles ist frei und die setzen sich gegenüber!?!? Da bekomme ich den ersten richtigen Anfall (das beim Warten  oder beim Einstiegen ist bloss leichtes Vorgeplänkel) und muss laut schnaufend durchatmen. Aber, was zu tun? Trete ich dem jetzt gegen das Schienbein? Weise ich ihn auf seinen logistischen Fehler hin? Verlasse ich laut schimpfend meinen Platz und suche mir etwas, wo man richtig angeordnet sitzt? Während ich ins Plasticksackerl atme, kommt schon der nächste, setzt sich daneben, und dann ist die Überlegung, ob ich nach aussen rutsche (oder was auch immer), eh hinfällig, und ich ergebe mich in mein Schicksal. Mei Nerve.

Die Mitreisenden (fünftes bis zehntes Aufregen)

Das schlimmste an der Bahn, ja, es gibt noch Steigerungsmöglichkeiten zu dem Vorgenannten, sind eindeutig die Mitreisenden. Nicht alle, sogar die wenigsten. Die meisten nutzen nämlich den ÖPNV als das, was er sein soll – man sitzt drinnen, hält die Klappe, und wartet, bis man von Gottes Gnaden am Zielort ankommt (oder all seine Anschlüsse erreicht) und raus darf. Aber, wie erwähnt, das sind leider nur die meisten. Nicht alle. Aber die paar wenigen habens in sich. Hier muss der gestresste Bahnfahrer, der nur seine Ruhe haben möchte, zwischen einigen Klassen des Störers unterscheiden:

  • Kindergarten – die Bälger stürmen in Kompaniestärke die Abteile, setzen sich zu dritt oder viert auf die 2-er-Bank, und dann labern sie los. Alle gleichzeitig. So laut wies geht, weil sonst verstehen sie sich ja nicht. Und die Tanten (heissen die heute auch noch so oder haben die mittlerweile auch irgendeinen Managertitel?) stehen unbeeindruckt daneben und glotzen in aller Seelenruhe auf ihr Wischtelefon. Ja, sag mal, hören die das denn nicht?
  • Teenager – seit einiger Zeit haben die sich gewandelt, weg von den nervigen Dauerplapperern (vor allen die jungen Mädels und ihre Hysterie waren erschütternd) hin zu den schweigsamen Handyglotzern. Klar gibts noch Ausnahmen, welche die tippen, telefonieren, zocken, alles gleichzeitig. Aber gut, man war ja auch mal jung, da kann man drüber hinwegsehen.
  • Kolleginnen und/oder Nachbarinnen – entsetzlich. Die sieht man schon redend draussen stehen, dann  kommen sie redend rein, setzen sich redend hin und hören damit nimmer auf, bis, ja, bis was eigentlich? Und meist so hochwichtiges wie „der Kevin hat die Scheisserei“, „gestern habe ich Tomaten gepflanzt“ oder „mein Mann hat mich wegen so einer jungen Schlampe verlassen“. Hatte da 2 Damen in Berkersheim, die waren genau wie beschrieben. Sah ich die sich meinem Platz nähern, bin ich abgehauen. Wie vermutlich der Mann der einen, weil seit einigen Wochen ists nur noch 1 Dame. 1 Stille Dame. Will ihren Mann wohl behalten.
  • Messebesucher – schlimm. Man merkt sofort, wenn eine grössere Messe ist. Dann wohnen die in der Werrera, weil sie sich Frankfurt nicht leisten dürfen, und überschwemmen morgens den Frühverkehr. Und weil die dann den ganzen Tag reden müssen, laut und mit Begeisterung, fangen sie schon frühmorgens damit an, laut und mit Begeisterung. Und dann sitzt man da, noch erschöpft von der Nachtruh‘, links die Italiener, rechts die Spanier, hinne die Edmunds, überall der Kinees. Ab „Messe“ ist dann Stille.  Blöderweise muss ich vorher schon raus, daher komme ich nicht in den Genuss der Stille. Mist.
  • Einzeltäter – nicht minder schlimm als die anderen, obwohl alleine. Da gibts den Herrn, der seine Bankgeschäft erledigt, inklusive Bekanntgabe aller Kontodaten, von sich und seiner Fraa (hätte ich da mitgeschrieben, hätte der Herr keine Kohle mehr. Die hätte ein anderer). Oder das junge Fräulein, das vom Ausflug nach München erzählt, inklusive besoffenem Freund und geschlechtlicher Beiwohnung (selten, dass ein ganzer Wagen still war und nur einer zuhörte. Aber war lustig. Und man hat sich fremdgeschämt.). Herrschaften, klärt euren Beziehungsmüll, eure körperlichen Beschwerden, eure Erbschaftsangelegenheiten und eure beruflichen Probleme bitte draussen. Es interessiert keinen. Danke.
  • Rentner abends auf der Heimfahrt vom Tagesausflug – die schlimmste Gruppe von allen. Meist grössere Gruppe, meist einer weniger als morgens (Dieter hatte ne Schwäche und musste ins Hospital), leicht betrunken (gab noch Schnäppschen zur Jause), so breiten sie sich im ganzen Wagen aus, jedes Widerwort wird als Affront gegen das Alter ausgelegt, und dann wird erzählt. Vom Krieg,  Heribert von der letzten Magenspiegelung, Gunter legt sein Hühnerauge frei, Dagmar ist ganz aufregt, weil ihre Krampfadern rauskommen, Franz und Ferdinand teilen ihre Erfahrungen mit verhärteter Prostata mit dem ganzen Wagen. Man wünscht sich temporäre Taubheit.

ÖPNV. Der alltägliche Horror. Hilfe.

Aber was ist die Alternative? Jeden Tag mit dem Auto in den Schaff? Um 7 los, damit man noch einen Parkplatz findet, jeden Tag mit den selben Deppen im selben Stau stehen? Nicht wirklich. Mit dem Fahrrad? Und bei Regen dermassen eingepisst werden, dass man den ganzen Tag stinkt wie nasser Hund? Auch net. Auswandern und Einsiedler werden in Neuseeland? Hmmm.

Info zum Beitragsbild -ohne Worte!

 


4 Gedanken zu “Sänk ju for träwelling wis Deutsche Bahn

  1. Hallo Robert,

    ein neues brillantes Highlight deiner Schreibkunst! Oder eigentlich müsste man sagen von Dir, denn wer Dich kennt weiss dass Du eigentlich nur aus Deinem Hirn abschreibst…. 😊

    You made my day!

    Viele Grüße

    Andreas

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    1. Andreas, alles Tatsachen. Alles. Heute kam gleich eine liegengebliebene Bahn hinnerher,. Beim Vorbeifahren haben wir den armen Schweinen zugewunken, die da drinnen ausharren mussten. Jeden Tag bringt die Bahn Schreibstoff, da muss man sich nix ausdenken. Ein Quell unermesslicher Ideen.
      Grüße, auch an die Gattin.

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