22 Jahre, 10 Monate, 20 Tage

Fürchtet euch nicht!

Liebe Leser, Herrschaften, Eintrachtler, Kollegen, Piefke! Obwohl ich nach 8360 Tagen oder 200.640 Stunden oder 12.038.400 Minuten oder 722.304.000 Sekunden meinen primären Wohnsitz aus dem beschaulichen Hessen ins wunderbare Kärnten verlege, bleibe ich euch erhalten. Zum einen bleibt selbstverständlich meine Eintracht-Dauerkarte in Familienbesitz (das Ding kommt dereinst, in 40 Jahren, in die Erbmasse), ausserdem, jetzt, wo wir CL spielen werden, da kann ich doch net uffhöre und mir nur noch Gekicke in der Kärntner zweiten Klasse anschauen.

Zudem muss ich ja, um mir die Dauerkarte leisten zu können, meinem kapitalistischen Ausbeuter weiterhin sklavisch zu Diensten sein und werde zu solch einer traurigen Gestalt, die ich jahrelang bemitleidet habe – wochenbeginns lungere ich in frisch aufgebügeltem Anzug mit schwarzem Rollköfferchen auf den Bahn- und Flughäfen dieser und anderer Republiken rum, um eilfertig gen der hessischen Metropole zu reisen, in der ich dann zwischen sonnigem Büro, düsterem Hotelzimmer und übler abendlicher Spelunken zu pendeln gedenke. Und wochenends lungere ich dann in zerknittertem Anzug mit immer noch schwarzem Rollköfferchen, mit Glück dem eigenen, auf denselben Bahn- und Flughäfen dieser und anderer Republiken rum, um freudig gen Heimat zu eilen, auf dass die beste aller Gattin mir Kasnudel serviert, dazu Villacher Tort‘ und Bräu.

Ich kann mich noch gut erinnern, damals, Anfang Mai 1998, als wir zu dritt im Honda von Kollege Anda die erste Fahrt gen Frankfurt antraten. Ja, gut, gehts halt paar Jahre zu de Piefke, wird schon net so schlimm. So dachten wir damals. Und dann schnell wieder heim. Pah. Nix da. 5 Jahre. 10. 15 20. Immer mehr wurdens, so lange, dass mich die in Kärnten nimmer verstehen, weil ich red als wie a Deitscha. Und die in Deutschland sagen „Mensch, jetzt biste schon so lange hier und sprichst immer noch wie dieses Bergvolk im Süden. Noch ein bisschen Tunke?“ Schwierig, so als Wanderer zwischen den Welten

Aber, wie auch immer. Das Leben nahm seinen Lauf. Damals, als Junger, wohnte ich exzellent. Mitten in Sachsenhausen, im Ausgehviertel, paar mal umfallen, und ich war in den Kneipen. Das war interessant, damals, als Junger. Da ists halt auch passiert, dass man in den Kneipen umgefallen ist, damals, als Junger.

Dann kam bald das erste Eintracht-Spiel, 2:3 gg. Leverkusen. Zur Halbzeit gabs eine 2:0 Führung, ich dachte mir, Holla, die gewinnen ja, da bleib ich. Dann hat der Trainer der annern, ein gewisser Daum, in der Pause was richtig gemacht, und die Eintracht hat verloren. Na, servas, dachte ich mir, die können ja gar nix. Gefällt mir, der ich ja eh ein Herz für die Mühsamen und Beladenen habe. Da bleib ich.

So gings dann weiter im Leben. Irgendwann hab ich ein junges deutsches Frollein kennengelernt, es folgte der gemeinsame Umzug in die Vororthölle. Also, heute. Damals fand ich das super, so als mittelalter Junger. Da wohnst im Grünen, also fast, bist schnell in der Grossstadt, draussen hast nen kleinen Gadde, drinnen schön Platz für einen grossen Fernseher, vielleicht gibts da sogar nette Nachbarn. Alles war fein. Bis halt nimmer fein ist.

Und wenn vieles nimmer passt, dann muss man sich verändern.

Das passiert. Und zwar recht ordentlich. Für die beste aller Gattinnen deutlich mehr als wie für mich. Ich ziehe ja eigentlich nur um. Sie hingegen wandert aus, als Piefke nach Österreich, aus dem Vorort der 60000 Einwohnerstadt in ein Kaff, wo grade mal 200 Leute wohnen. Mutig. Sie gibt hier alles auf, muss freundlich zum Wohnungsgeber sein und baut sich unten ihr kleines nettes Studio von neuem auf. Aber, das wird schon klappen, wir werden dem sturen Kärntner mittels grandioser Werbeoffensive einbläuen, dass die alle unbedingt zur Gattin müssen. Ich sehe schon, wir müssen ausbauen. Gleich mal den Architekten anrufen.

Wie auch immer, grossartig wars hier. Aber noch besser wirds.

Und noch ein kleiner Tipp zum Schluss dieses kleinen Informationsbeitrages – schmeisst weg, mistet aus, ständig und permanent. Irgendwann zieht ihr auch noch mal um, dann werdet ihr drüber froh sein.

Sind jetzt weg. Tschüss Deutschland, Servus Österreich.

Info zum Beitragsbild: RAUS! Alle! Immer!


2 Gedanken zu “22 Jahre, 10 Monate, 20 Tage

  1. Ach Schluchti, wir werden dich vermissen, genieße die Zeit in deinem Dorf, und in fünf Jahren kommst zurück, weil Dir das Pendeln mit dem Rollkoffer am langen Arm zu viel geworden ist. Oder auch nicht. Grüße von Blog zu Blog!

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  2. Man könnte neidisch werden. Oder es irgendwann nachahmen. Noch müssen wir ja unsrem Regierenden die Steuern bescheren. Wir müssen ja die Welt retten…
    Grüezi von Coyoten, Wile E.

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