Ein Morgen im Leben des ÖPNV

Der lokale öffentliche Personennahverkehr, ein beständiger Quell stiller und lauter Freude. Vermutlich ist keiner teurer, unpünktlicher und dem Servicegedanken ferner als der RMV. Aber gut, was willste machen? Dich mit den annern Deppen in den täglichen Stau stellen? Nix da, lieber vergeude ich pro Tag 30 Minuten oder mehr an sinnloser Wartezeit und erfreue mich an den Mitreisenden (die einen eigenen Beitrag wert wären) und den ulkigen Ausreden des Netzbetreibers (auch das wäre einen eigenen Beitrag wert).

Jüngst hat es sich wie folgt zugetragen, alles ist tatsächlich so passiert. Schwör!

07:45 – wie immer, kurz vorm Abgang raus ins Leben, wird nochmal die kuschelige Heimseite des Rhein-Main-Verbundes geprüft, ob er denn Überraschungen bereithält. Und tatsächlich, „Personen im Gleis“. Ja gut, denk ich mir, als drüber, dann ist Ruh‘. Blöd nur, dass es dann „Notarzteinsatz am Gleis“ gibt. Und das dauert noch länger.

07:46 – trotz „Personen im Gleis“ melden sowohl RMV als auch die wertvolle Öffi-App, dass meine avisierte Bahn pünktlich sei. Erstaunlich, aber wenn beide Quellen das so sagen, wirds schon stimmen. Ich mag das, wenn ich naiv bin.

07:51 – erneuter Check der Fahrzeiten. Immer noch alles grün.

07:53 – erneuter Check der Fahrzeiten. Immer noch alles grün.

07:55 – erneuter Check der Fahrzeiten. Immer noch alles grün.

07:57 – erneuter Check der Fahrzeiten. Immer noch alles grün.

07:59 – da alles grün vermeldet wird, schultere ich den Ranzen und mache mich auf den Weg zum Schaff, wie jeden Morgen das falschparkende Auto der künstlichen Blondine beschimpfend. Und die ganzen Sport Utility Vehicle’s, die vor der Kindertagestätte kreuz und quer stehen, damit die Muddis, die den Balg abliefern damit sie ungestört in den Bioladen fahren können, ja keinen Meter zu Fuss laufen müssen.  Na gut, in solchen  Schuhen könnt ich auch net gehen.

08:09 – fröhlich pfeifend treffe ich am Haltepunkt ein und wundere mich, was die Leute da alle machen, ist doch deren Bahn schon seit 8 Minuten weg. Vergessen einzusteigen? Kann passieren, so frühmorgens, man ist ja noch müd und geistig wenig fit.

08:10 – Gerüchte machen die Runde, dass die Bahn, die nicht gekommen ist, ausfallen könnte. Allenorten werden die Apps gecheckt, alles grün. Mir scheint, der RMV hat eine Zeitmaschine erfunden – die Leute sitzen in der pünktlichen Bahn, stehen aber auch noch am Bahnhof. Zeitgleich. Physiker anwesend?

08:11 – jetzt sollte meine Bahn eintreffen. Die Apps sagen „grün“, auf der Bahnsteigsinformationsanzeige steht nix ausser der Uhrzeit, also alles ok. Ich mache mich bereit.

08:14 – i steh in der Költn und wart auf mei S-Bahn, aber sie kummt net kummt net kummt net. I wort auf des Brummen von meiner roten S-Bahn, oba es brummt net brummt net brummt net.

08:16 – Ha, endlich eine Information. Blöderweise aber nur für die Gegenrichtung. Die aufkeimende Hoffnung aller fällt in ein unsichtbares Nichts zusammen. „Die S6 Richtung Gross-Karben, Abfahrtszeit 08:17, fällt aus“. Gut so, warum solls denen anders gehen als uns.

08:17 – die S-Bahn nach Gross-Karben fährt ein. Pünktlich. Man wundert sich.

08:21 – Schneesturm.

08:24 – langsam wirds frisch, ich hätte doch mehr als mein Übergangsjäckchen anziehen sollen. Und immer noch keinerlei Information, was los ist.

08:27 – das wartende Volk stimmt Gesänge an, der RMV wird gefeiert und man lässt das Verkehrsminsterium hochleben. Man schunkelt, um sich warm zu halten.

08:29 – ich bedanke mich per Twitter höflich beim RMV für die angenehme Wartezeit und wünsche einen schönen Tag – hier zum Tweet

08:31 – jetzt wärs an der Zeit, dass die nächste Bahn eintreffen könnte. Dem Kollegen nebenan ist der Bart eingefroren.

08:32 – Da schau an, die Bahnsteigsinformationsanzeige ist doch nicht kaputt. und vermeldet 5 Minuten Verspätung für die 8:31-Bahn. Kein Wort, keine Info, was mit den beiden vorher passiert ist. Vermutlich verfahren.

08:36 – wie man weiss, bedeutet „5 Minuten Verspätung“, dass es wohl 10 werden. So die Bahn kommt, wären das jetzt nur noch 5 Minuten. Ein Klacks, nach den bisherigen 25.

08:41 – Wir warten

08:46 – Jubel brandet auf, die Wartenden klatschen rhythmisch im Takt des Zugratterns, die sehnssuchtsvoll erwartete Bahn fährt ein. Diesmal in die richtige Richtung, und sie bleibt sogar stehen. Nachdem man in den letzten 40 Minuten Freunde fürs Leben gefunden hat, ist das jetzt alles vergessen – es gilt, einen Platz zu erkämpfen.

08:47 – ich habe einen Stehplatz, besser als nix, viele müssen zurückbleiben. Wir winken ihnen.

08:49 – Bad Vilbel wird erreicht. Am rechten Gleis. Der geübte Pendler hat böse Vorahnung, weil da fährt man nur ein, wenn man ein Päuschen einlegen muss. Und tatsächlich, „Unsere Weiterfahrt wird sich noch ein paar Minuten verzögern, es gibt noch Überholungen“, tönt es aus dem Lautsprecher. Eh kloar. Auch schon egal. Wenigstens ists warm und kuschelig.

08:51 – erste Überholung

08:51 – das Stockheimer Lissche fährt ein, die zweite Überholung. Viele Ungeduldige springen aus der S6 und ins Lissche, weil Zuch hat immer Vorrang vor S-Bahn.

08:52 – wir fahren weiter, das Lissche steht. Wir winken.

08:57 – keine besonderen Vorkommnisse. Immerhin habe ich mittlerweile einen Sitzplatz, da hätte die Omma schneller schalten müssen.

09:12 – jetzt müssten wir am Westbahnhof eintreffen, damit ich den Anschlussbus noch bequem erwischen kann. Wie man ahnt, schaffen wir es nicht.

09:13 – jetzt müssten wir am Westbahnhof eintreffen, damit ich den Anschlussbus noch mit Rennen aus der Bahn, wegstumpen der im Weg stehenden Rentner und einem Satz auf die Gass‘ vor den anfahrenden Magirus-Deutz erwischen kann. Wie man ahnt, schaffen wir es nicht.

09:14 – Ankunft. Zu spät für den Bus, zu früh für die Schankwirtschaft. Jo mei, dann halt Fussmarsch zur U-Bahn, ab ins Büro. „Kein Wort!“ zu den Kollegen beim Betreten und gewohnheitsmässig und routiniert 10-Minuten-Garantieantrag ausfüllen (schon toll, da kostet das dich 45 vergeudete Minuten deines Lebens und man bekommt 2 Euro 20. Immerhin, nettes Nebeneinkommen.) .

17:30 – Ankunft am Westbahnhof. „Verspätung“. Klar.

Info zum Beitragsbild – Symbolbild.


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